Skip to main content

Ein Grund für mein 4-monatigen Solo-Backpacker-Trip 2019 in Südostasien war der 9-tägige Besuch im BDCD-Retreat-Zentrum Fang (Nordthailand an der Grenze zu Myanmar). Die Philosophie des Buddhismus hatte bereits einen sehr positiven Effekt auf mein Leben gehabt, jedoch wollte ich mal ganz abgekapselt von der Außenwelt für mehrere Stunden am Tag schauen was so in meinem Inneren vorgeht. Übrigens, mein Name ist Achim und ich habe mich sehr gefreut diesen Gastbeitrag für Justine’s Blog schreiben zu dürfen. Wir sind bereits seit dem wunderschönen Summerjam Festival 2018 befreundet.

Bevor ich einsteige, hier ein paar Eindrücke von dem Paradies in Pai (ich will zurück!), Chiang Mai, Chiang Rai – ganz in der Nähe des Retreat-Zetrums:

Meine Unterkunft war eine wirklich einfache, aber nette Kuti (kleine Hütte mit Bett, Dusche und Toilette ohne Waschbecken). Direkt ging ich mit allen in die Meditations- und Singspielhalle, für das regelmäßige einstündige Singen um 18 Uhr. Die erste Begegnung war sehr herzlich und ich fühlte mich nicht allzu fremd am anderen Ende der Welt. Die Originaltexte werden in Pali gesungen, was sehr melodisch klingt, sich wiederholt und leicht mitzusingen ist. Es scheint, als würde sich niemand wirklich um die genaue Bedeutung kümmern, da niemand mehr Pali spricht.

Darüber hinaus sind die Gesänge in Thailand an die thailändische Aussprache angepasst, sodass sie in anderen Ländern anders klingen könnten. Meistens zollen die Gesänge Buddha, der Sangha (der Gemeinschaft der Mönche) und dem Dhamma (den Lehren des Buddha) Respekt. Es gibt auch Abschnitte vor und nach jeder Mediationssitzung und das Verbreiten liebevoller Güte (loving kindness). Allerdings finden morgens in der Regel 20 Minuten und abends 40 Minuten Vipassana-Meditation statt. Dabei ist das Licht ausgeschaltet und alle sind still, einfach friedlich. 

Die Umgebung des Retreat-Zentrums, in dem ich die 9 Tage verbracht habe, ist wirklich wunderschön. Mit kleinen Seen in der  Nähe und ganz ohne Verkehrslärm. Einfach nur reine Natur, in der einige Vögel zwitschern und Katzen herumschlendern. Die Stadt Fang liegt zwischen Chiang Mai und Chiang Rai, in einem Tal mit Bergen und der Grenze zu Myanmar herum und ist wirklich weit weg von allem. Während meiner Zeit dort bin ich keinem einzigen Touri begegnet, da es so abgelegen ist, dass keine Touristen bis Fang kommen.  

Leider spricht fast niemand Englisch, außer drei thailändische Frauen. Welch ein Zufall, als ich sah, dass einer der drei Kurzzeitmönche, welcher derzeit mit mir auf dem Retreat lebte, halb deutsch, halb thailändisch ist und aus der gleichen Gegend wie ich (Kleve) stammt (krasser Zufall). Das war sehr hilfreich, als er mich herum führte und mir vom thailändischen Leben erzählte, z.B. beträgt der Tageslohn für einen einfachen Bauern nur ca. 8 Euro pro Tag.

Am Montag traf ich den Mönch Clyde im Wat Sriboonrang, an der Hauptstraße in Fang, wo sechs Vollzeitmönche und mehrere junge Mönche leben. Clyde ist ein amerikanischer Mönch, der mit einer Thailänderin verheiratet ist und bereits seit 18 Jahren in Fang lebt. Er war super hilfreich und gab mir ein cooles Handbuch, das die Weisheit der buddhistischen Lehre enthält.  

Clyde erklärte, dass die vier Grundlagen der Achtsamkeit, dabei helfen können die Kette des Leidens zu unterbrechen. Das bedeutet, die Zyklen der Wiedergeburt zu beenden, die mit dem Erreichen des Nirwanas endet. Das hört sich für viele Deutsche erst einmal abgedreht an. Was ist dieses Nirvana? Buddha sagte anscheinend, dass es keinen Sinn machen würde etwas zu versuchen in Worte zu fassen, was mit dem menschlichen Verstand nicht begreifbar ist.  

Die erste Grundlage ist die Beobachtung körperlicher Handlungen, wie das Herauf- und Herabsenken des Unterleibs beim Atmen oder die geistige Gehmeditation, um die Idee der Schönheit in den Sinnen loszuwerden.

Zweitens muss man seine Gefühle betrachten. Wenn ich also meditiere und z.B. Hitze oder Schmerzen wahrnehme, werde ich mir einfach der Natur der Dinge bewusst und nicht leiden. So sind die Dinge.“Schlecht“ oder „Gut“ sind nur Interpretationen. Alle Schmerzen werden irgendwann verschwinden und ich muss meinem Geist beibringen, sich daran zu gewöhnen. 

Die dritte Grundlage der Achtsamkeit ist die Beobachtung des Geistes, um den Gedanken der Beständigkeit loszuwerden. Jeder Zustand des Geistes, sei es Wut, Leidenschaft oder Depression, wird aufhören. Nichts ist sicher und beständig.

Das vierte Ziel der Achtsamkeit ist es, die Idee des Selbst loszuwerden, indem man über die Objekte des Geistes nachdenkt. Wann immer ich meditiere und ein Gedanke auftaucht, muss ich auf diese geistige Formation achten und ihre Natur beachten.

Alle Gedanken lassen sich in Vergnügen (z.B. gute Erinnerungen mit Freunden), Unzufriedenheit (eine Trennung), Schläfrigkeit, Ablenkung oder Zweifel (z.B. warum zum Teufel sitze ich hier mitten im Nirgendwo fünf bis acht Stunden am Tag schweigend herum, wenn ich am Strand sein könnte) einordnen. Das sollte als Erklärung für den Anfang ausreichen.

Am Montagabend kam der Chef aller Mönche, Dr. Apisith, und überreichte mir rituell die acht Regeln. Diese beinhalten keinen Schaden an Lebewesen (nicht einmal das Töten von Fliegen), keinen Sex, Lügen, Diebstahl, Drogen, luxuriöse Unterkünfte oder jegliche Unterhaltung (kein Singen oder Tanzen). Im Grunde ist alles, was Spaß macht, in einem Retreat verboten.

Für manche Menschen kann es unvorstellbar sein, aber ich denke, es ist notwendig, den Geist von jeglichem Vergnügen und dem Wunsch nach mehr davon zu befreien. Das ist ein entscheidender Punkt im Buddhismus:

„Wir leiden, weil wir nicht sehen, wie die Realität wirklich ist. Unser Geist lässt uns leiden, weil wir uns mit unseren Gedanken identifizieren, aber in Wirklichkeit gibt es weder Gut noch Böse.“

Außer mir gab es nur ein bis zwei thailändische Frauen, die tagsüber meditiert haben. Es war manchmal so ruhig, dass ich zwischen 13 und 16 Uhr ganz allein in der Meditationshalle war. Für den Gesang um 5 und 18 Uhr waren in der Regel 10 bis 20 Thais da. Übrigens beginnt jeder Tag um 4:30 Uhr und endet um 20 Uhr. Es gibt Frühstück um 7:30 Uhr und Mittagessen um 11:20 Uhr, etwas Reinigung des Tempelgeländes und Waschen. Wie man den Rest des Tages verbringt, liegt bei einem selbst. Ich schloss mein Handy weg, sprach nur wenig mit den wenigen Leuten, die in der Nähe waren, und las interessante Bücher wie „Buddhism plain and simple“ und „What Buddha taught“. Das bedeutete viel Zeit zum Nachdenken und dazu, mich zu 100 Prozent der Achtsamkeit zu widmen.

Überraschenderweise habe ich mich sehr leicht an diese Umstände gewöhnt und es genossen, ohne soziale Medien und die Informationsfülle unserer Telefone zu sein. Eine weitere Überraschung war, dass ich mich nie müde fühlte (obwohl ich bis 5 Uhr morgens zwei Tage zuvor in Pai unterwegs war) oder hungrig war (Essen nach dem Mittagessen ist verboten). Ich habe mich nie so frisch und wach gefühlt in meinem Leben. Unser Körper passt sich schnell an und bevorzugt eine gleichmäßige Tages- und Nachtroutine.  

Am Dienstagmorgen bekam ich auch ein schönes weißes Gewand, das mich perfekt auf diese sieben Tage vorbereitete. Die nächsten Tage genoss ich, nur mit mir zu sein und manchmal spazieren zu gehen. Ich fühlte mich lebendig, wenn ich nur die Schmetterlinge, die wirklich schönen Pflanzen und Blumen, die Fische im See UND die Glühwürmchen in der Nacht betrachtete. Die einfachsten Dinge sind die besten. Ich genoss das Essen (es gab immer ein großes Buffet) und versuchte, jeden Löffel Reis aufmerksam und achtsam zu essen.Zum abgeschieden sein kann ich sagen: Es ist wunderschön alleine zu sein. Allein zu sein bedeutet nicht einsam zu sein. Es bedeutet, dass ich nicht beeinflusst und verdorben werde von der Gesellschaft.

Nichtsdestotrotz hatte ich Mühe, bei den Gesangssitzungen auf meinen Knien zu sitzen. Doch nach drei Tagen hatte ich mich daran gewöhnt. Auch einige Rücken- und Knieschmerzen lenkten mich ab. Viele gute Erinnerungen an meine Freunde und meine Familie kamen in mir auf, aber auch Sorgen, weil ich sie nicht erreichen konnte, um zu hören, ob es ihnen auch gut geht. Diese sieben Tage waren aufschlussreich, weil ich erkannte, wie viele Lieder in meinem Kopf aus dem Nichts auftauchen, besonders wenn ich herumlaufe und mein verspielter Geist sich ausdrücken will.

Es ist schon manchmal witzig wenn man sich fragt woher unsere Gedanken und vor allem warum bestimmte Gedanken hochkommen. Ich hatte kein Problem damit, dass ich am zweiten Tag meinen Geburtstag nur für mich feierte, ohne Kontakt zur Außenwelt. Ich habe es beim Retreat niemandem erzählt, damit ich mich auf meine Praxis konzentrieren konnte.

Am dritten Tag beschloss ich, wie ein Mönch zu sein und mir eine neue Frisur zuzulegen. Zwei der Mönche gaben mir einen 2mm-Schnitt, was wirklich lustig war und eine Erfahrung für mich. Sobald ich mich hinsetzte zum Meditieren, machte ich mir Gedanken, ob es eine gute Idee war. Ich hatte also noch etwas Arbeit zu erledigen und begann, mich auf diese Gedanken zu konzentrieren.

Abgesehen davon war es wirklich schön, die Geh- und Sitztechniken zu üben. Diese Lektionen werden mir in Zukunft sehr helfen. Nachtrag, ein halbes Jahr später: Ich merke enorm wie sehr mir regelmäßiges Meditieren meine Laune hoch hält und ich meine Gedanken viel klarer wahrnehme.

Am Sonntag, dem letzten Tag meines Retreats, ging ich mit den Mönchen in den großen Tempel, der mit mindestens 300 Thais gefüllt war, die kamen, um Almosen zu geben. Zu meiner Enttäuschung war eine kollektive Sitzung zur Vipassana-Vermittlung nicht vorgesehen. Trotzdem war es wirklich schön, so viele Menschen zu sehen, die kamen, um den Mönchen und den armen Menschen Essen und Geld zu spenden. Und all dies fand um 6 Uhr morgens statt. In Deutschland kommt man zu dieser Zeit von einer Party nach Hause.

Alles in allem können die Thailänder sehr stolz auf ihre Kultur und ihre …? sein, etwas zu geben. Hinzu kommt, dass alle lächelten und sich am Spenden für den Tempel erfreuten. Eine Frau gab mir etwas von ihrem sticky Reis, eine schicke silberne Schüssel und sogar 20 Baht und schickte mich in die Schlange, um sie den vorbeikommenden Mönchen zu geben. Jeder spendete eine Menge Essen, Süßigkeiten, Getränke und Blumen. Es war ein wirklich schönes Ritual und zeigt, wie sie die Welt verstehen. Jeder gute Zweck führt zu einer guten Wirkung.

Das Leben ist wie ein Bumerang, man bekommt was man gibt! Ich bin auch immer mehr davon überzeugt, Achtsamkeit zu einer ganztägigen Gewohnheit zu machen.

Wer sich für den Buddhismus interessiert, sollte unbedingt darüber lesen. Die ursprüngliche Lehre des Buddha von vor 2500 Jahren sticht wirklich aus allen Philosophien (die Liebe zur Weisheit) hervor, Gemeinsamkeiten finden sich aber in allen Lehren. Sie ist Psychotherapie und wird jedem helfen, einen klaren und fokussierten Geist zu haben. Buddha hat versprochen, dass wir, wenn seine Lehren befolgt werden, keine Moral oder Regeln wie andere Religionen brauchen (Stichwort 10 Gebote). Buddha sagte, dass diejenigen mit einem reinen Geist sich selbst überzeugen werden, um sich korrekt zu verhalten und friedlich zusammenzuleben.

Leider scheint es mir, dass der moderne Buddhismus von seiner Kernlehre ablenkt. Meiner Meinung nach lenken die riesigen Tempel, die Rituale und Gesänge in jedem Moment von der Achtsamkeit ab. Es ist schwer zu unterscheiden, was asiatische Kultur und was die Lehre des Buddha ist.

Fasziniert es dich auch folgende Fragen zu stellen wie „Wo kommen wir her, wer sind wir und wo gehen wir hin? Was ist real?“ Wenn ja, dann bist auch du ein Philosoph. Ich merkte jedoch auch, dass wir nie eine endgültige Antwort finden werden. Dazu passt ein Zitat von Karl Marx:

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern.“

Ich möchte Mitmenschen haben, welche sich nicht fragen wie man die beste Person IN der Welt sein kann sondern FÜR die Welt. Wir Menschen sind manchmal leider zu sehr Ich-bezogen. Wir denken, wir wären alleine mit unseren Problemen und niemand könnte uns verstehen. Das ist Bullshit. Den Homo Sapiens gibt es schon seit einer geraumen Zeit und es gab schon zig andere Menschen mit den gleichen Problemen.

Für mich bietet der Buddhismus aber auch die stoische Philosophie aus dem alten Griechenland sehr gute Ansätze, um ein sorgloses Leben zu führen. Außerdem: die Buchhandlungen sind voll von neuen Selbsthilfebüchern. Manchmal genügt es aber auch Literatur von vor 2000 Jahren auszupacken und wird erstaunt sein, wie sehr es auch heute noch zutrifft. Hier kann ich “Seneca – Das Leben ist kurz” empfehlen (bei zu finden Youtube).

Abschließend kann ich sagen, dass dieser Retreat mir geholfen hat, für meine besten Freunde und meine Familie dankbarer zu sein, zu wissen, was ich gerne mit meiner Energie im Leben mache, und meinen Körper und meine Persönlichkeit voll und ganz zu akzeptieren.

Außerdem glaube ich, dass ich bei allem achtsamer sein kann, z.B. eine bessere Körperhaltung einnehmen, Geschirr spülen oder mich an einen Tisch setzen, ohne viel Lärm zu machen oder ungeschickt zu sein. Jede einfache Aufgabe ist so viel besser, wenn sie mit Ruhe erledigt wird.

Und für Menschen die abgeneigt sind einmal Meditation auszuprobieren: Es ist das natürlichste auf der Welt die eigenen Gedanken zu beobachten.

Meiner Meinung nach wollte Buddha eine entscheidende Sache vermitteln. Er wollte nicht wie ein Gott angebetet werden. Er wollte nicht, dass wir blind religiösen Texten, moralischen Regeln oder der Regierung folgen. Er wollte, dass jeder selbst fühlt, wie man richtig handeln kann, dafür ist es von Vorteil mit sich selbst im Reinen zu sein.

Wir leiden, weil wir nicht sehen, wie die Welt wirklich ist: Alles ist im Wandel, auch unser Gefühl eine einzelne Person zu sein. In der Evolution hat es sich erwiesen ein Ego, ein Ich-Gefühl zu entwickeln. Unsere heutige Gesellschaft hat es leider zu weit getrieben und der Mensch sieht sich getrennt von der Natur.

Das witzige ist: Du bist selbst die Natur. Geht es dem Wald schlecht, wird es mir auf Dauer auch schlecht gehen. Jede meiner Handlungen hat direkte Auswirkung. Und wenn dann das Argument kommt: “ich alleine, bin so unbedeutend, ich kann doch gar nichts verändern”, dann antworte ich gerne mit einem afrikanischen Sprichwort:

“Viele kleine Leute, die in vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“

Wir müssen unsere Glaubenssätze und unser Bewusstsein verändern und Meditation ist dabei ein guter Weg.